Der Mut der Gänseblümchen

Isa und Lukas hatten es sich unter dem großen Apfelbaum in Sophias Garten auf einer Decke gemütlich gemacht. Sie hatten mit ihr jede Menge bunter Kissen herausgeholt und die Sommersonne glitzerte durch das Blätterdach. Mit Bedauern meinte Isa:
„Schade, dass der Sommer irgendwann zu Ende ist. Die schönen Blumen sind dann wie weggeblasen und im Winter ist alles so leergefegt und kahl.“
Lukas nickte: „Ich mag den Sommer auch lieber, aber ich habe neulich eine Geschichte gehört, da …“
„Oh, ich liebe Geschichten“, fiel Isa ihm ins Wort und lehnte sich zurück auf ein großes Kissen. „Erzähl!“

… also, es war schon viele, viele Monde und Sonnenaufgänge alles grün. Es war ewiger Sommer. Die Tiere und Pflanzen konnten sich schon an keine anderen Zeiten mehr erinnern. Ab und zu regnete es und das Wasser stillte den Durst der Tiere und Pflanzen. Doch eines Tages begann sich alles zu verändern. Ein kleines Gänseblümchen auf einer üppigen grünen Wiese sagte zu seiner Mutter: „Mama“, sagte es, „Ich bin so müde, ich möchte ausruhen. Immer nur wachsen und blühen ist so anstrengend.“
Mutter Gänseblümchen sah ihr Kind mit Sorge an. „Das ist unser Leben“, sagte sie. „Ja, ich weiß“, antwortete ihr Kind leise und ließ den Kopf hängen. Vielen anderen ging es ebenso: den Eichhörnchen, den Ahornbäumen und den Löwenzahnblumen. Sie alle waren erschöpft.
Da nahm Mutter Gänseblümchen all ihren Mut zusammen, richtete sich auf und schickte einen Gedanken zum Himmel.
„Hör mal, Himmel, der du den Regen schickst, mein Gänseblümchenkind ist müde, wie viele von uns. Immer nur blühen und wachsen ist so anstrengend. Schick uns doch etwas, damit wir ausruhen können.“
Als das nächste Licht am Himmel erschien und der folgende Tag begann, war es deutlich kühler. Erst hielten die Pflanzen und Tiere es für eine Laune des Wetters, aber dann bemerkten sie, dass die Kühle blieb und es kälter und kälter wurde. Die meisten Pflanzen und Tiere bekamen Angst. Was sollten sie tun? Was hatte die Kühle zu bedeuten? Die meisten von ihnen hatten nicht mehr viel Kraft. Das kleine Gänseblümchen und seine Mutter verloren bald Blütenblatt für Blütenblatt.
Eines sehr kalten Nachmittags wandte das kleine Gänseblümchen den fast kahlen Kopf seiner Mutter zu. „Mama“, sagte es leise, denn für mehr reichte seine Kraft nicht mehr, „Mama, hörst du auch etwas?“
Seine Mutter schüttelte ohne etwas zu sagen traurig den Kopf.
„Aber ich“, flüsterte das kleine Gänseblümchen „ich höre ein Gewisper und Geflüster. Ganz zart. Ganz leise.“
Und es lauschte so angestrengt, dass es auch sein letztes Blütenblatt verlor. Seine Mutter sah es mit Trauer und Sorge an.
Da begann das kleine Gänseblümchen zu sprechen. Es war kraftvoller als zuvor:
„Ich weiß, was zu tun ist. Ich konnte es hören. Die Zeit auszuruhen und zu schlafen kommt näher. Die Zeit, unsere Kräfte zu bündeln und zu bewahren, um dann mit neuer Energie zu beginnen. Jeder von uns, ob Pflanze oder Tier, der müde ist, geht seinen eigenen Weg um zu ruhen und wenn die Sonne am Himmel wieder wärmer wird, erblühen wir mit neuer Kraft.“

Diese Kunde, die das kleine Gänseblümchen erlauscht hatte, wurde schnell von allen Pflanzen und Tieren in die Welt getragen. Jeder begann sich auf seine Art und Weise vorzubereiten. Die Eichhörnchen bekamen von den Nussbäumen Nüsse zum Verstecken und kuschelten sich in ihre Nester. Der Löwenzahn sammelte seine Kraft in der Wurzel und die Ahornbäume gaben ihren Blättern bunte Farbe, so sehr freuten sie sich auf die Ruhezeit. Andere sammelten ihre Kraft in ihren Samen, um nächstes Jahr neu zu wachsen.
Die Blaumeise aber war nicht müde und versprach, auf alles zu achten und im nächsten Jahr, wenn sie sich wiedersahen, zu berichten. Auch das Gänseblümchenkind sammelte seine Kraft, genau wie seine Mutter. Vor dem Schlafen flüsterte es:
„Wenn die Sonne auf mich scheint, werde ich wieder wach und schaue, auch wenn es noch kalt ist. Ich möchte wissen, wie die Welt aussieht, wenn sie schläft.“ „Tu das, mein Kind“, antwortete Mutter Gänseblümchen und legte eins ihrer Blätter behutsam über ihr Kind. Sie schliefen ein.
Tief und fest ruhten sie den Winter über, wie viele Pflanzen und Tiere. Der Winter ließ zarte Schneekristalle in der Luft tanzen und deckte sie behutsam zu. Im nächsten Frühling, als die Sonne wieder begann, kräftig zu scheinen, kamen die Pflanzen und Tiere mit neuer Kraft zurück.“

Lukas schwieg einen Augenblick. „Hier endet das Märchen“, sagte Lukas. Isa reckte sich.
„Eine schöne Geschichte. Jetzt weiß ich auch, warum ich schon mal ein Gänseblümchen im Winter gesehen habe, als die Schneedecke ganz dünn war und die Sonne schien. Es wollte sehen, wie die Welt im Winter aussieht.“
„Ja, da hast du wahrscheinlich ein neugieriges kleines Gänseblümchenkind gesehen.“
Sophia lächelte: „Ich hab etwas für euch.“ Sie griff ins Gras. „Mit einem herzlichen Gruß vom kleinen Gänseblümchen.“
Sophia gab beiden eine grüne Perle, die sie an die Blätter des Gänseblümchens und an den Frühling erinnerte.

Stille-Bilder
 

Für die eigene Arbeit

Hinweise zur Perle

Die grüne Perle bringt ein neues Thema ein. Im ursprünglichen Perlenkranz gab es keine grüne Perle. In der langjährigen Arbeit mit Erwachsenen und Kindern zeigte sich aber, dass ein sehr wichtiger Themenkreis in der Perlensammlung fehlte.

Die Farbe Grün verbinden viele Menschen unterschiedlichen Alters mit Hoffnung, Lebendigkeit oder Natur. Wir nennen sie in der Praxis: Perle der Natur, oder Perle der Schöpfung – je nachdem, mit welchem Titel die Teilnehmenden einen ersten leichten Zugang finden können. Die Perle ermöglicht das Aufgreifen unterschiedlichster Erfahrungsebenen rund um das Thema Natur und Schöpfung: Das Werden und Wachsen, ebenso wie das Verwelken und Sterben im Jahreslauf findet hier einen Platz. Hinzu kommt das Philosophieren und Theologisieren mit Kindern zur Wahrnehmung von Natur als Schöpfung.

Im Alltag von Kindertageseinrichtungen kommen diese Themen im Jahreslauf immer wieder vor. Die Verortung in den Jahreszeiten prägt häufig das gesamte Miteinander. Die Raumgestaltung, Lieder und Geschichten sind in der Regel an den Jahreszeiten orientiert. Jede Jahreszeit kann mit Kindern intensiv erlebt werden und gerade junge Kinder begegnen Phänomenen der Natur oft mit einem Staunen.

Die Geschichte von Isa und Lukas spielt mitten im blühenden Sommergarten Sophias. Wehmut kommt auf, weil sich der Sommer neigt. Auch „echte“ Kinder können diese Idee Isas vielleicht teilen: Dass es traurig ist, wenn der Sommer geht, dass die Veränderungen, das Verwelken und Absterben auch „erfühlt“ werden, und bedrücken können.

Von „Schöpfung“ ist ausdrücklich in der Geschichte nicht die Rede. In der Erzählung, die Lukas wiedergibt klingt jedoch die Idee an, dass hinter dem Kreislauf der Jahreszeiten ein ordnendes und wohlmeinendes Prinzip steht. Dementsprechend kann die Geschichte zum Anlass werden, mit Kindern gemeinsam nach diesem Prinzip zu fragen.

Didaktische Ideen

Alle Materialien und Medien zur Perle dürfen für die eigene Arbeit verwendet werden. Zu jeder Perle gibt es eine Bildkarte, die farbig auf A3 gedruckt, in das klassische Erzähltheater (Kamishibai) passt. Die Vorlesegeschichte mit kleinen Bildelementen darf ebenfalls gedruckt und in der Kita – beispielsweise als Aushang zur Elterninformation – veröffentlicht werden. Wenn die Kinder die Geschichte kennengelernt haben, ist es möglich, eine inhaltliche Auseinandersetzung zum Thema der Perle zu ermöglichen.

Mit den Kindern kann zunächst das Geschichtenbild entdeckt und die Geschichte vorgelesen oder frei erzählt werden. Im Anschluss daran sind unterschiedliche Vertiefungen möglich. Kurz vor Erntedank, wie in diesem Jahr, ist das Thema Natur und Schöpfung häufig in den Kindertageseinrichtungen gegenwärtig. Je nach Ausrichtung der pädagogischen und religionssensiblen Arbeit klingen in diesem Zusammenhang Fragen nach einer Ordnung in der Schöpfung, nach Dankbarkeit und Staunen über vorhandene Fülle an. In konfessionellen Einrichtungen werden in diesen Wochen häufig biblische Schöpfungstexte mit den Kindern erfahren und vertieft oder auch Erntedankfeste gefeiert. Die Geschichte von Isa und Lukas kann hier eventuell als zusätzliche Geschichte eingebracht werden.

Auch dieser Perle folgt eine Perle der Stille. Um die Idee der Vertiefung und Verlangsamung in der Auseinandersetzung mit einem Thema aufzunehmen, finden Sie zwei Stille-Bilder zur grünen Perle, die die Kinder zur eigenen Gestaltung und Vertiefung nutzen können. Die Stille-Bilder liegen als pdf-Dateien vor und dürfen für die Kinder vervielfältigt werden.


Downloadbereich

Die Bildkarte

Die Geschichte mit Bildelementen

Die Stille-Bilder: das Mandala, das Geschichtenbild

Die Geschichte zum Anhören