Große Aufregung

Isa lag im Bett. In ihrem Bauch kribbelte es sehr. Einschlafen konnte sie nicht, obwohl alles wie immer war:
Das Nachtlicht brannte, sie war warm zugedeckt, ihre Mutter hatte eine Geschichte vorgelesen und sie zu Bett gebracht. Doch wenn Isa im Halbdunkel neben ihren Schreibtisch sah, erblickte sie ihren neuen Schulranzen. Morgen würde sie zum ersten Mal in die Schule gehen. Sie würden ein Fest feiern, mit vielen Freunden und der Familie.
Der Nachbar Herr Rudolf hatte vor ein paar Tagen gesagt, der Ernst des Lebens würde nun auch für sie anfangen. Isa verstand nicht so recht, was er meinte. Sie freute sich und war gleichzeitig so aufgeregt. Das machte ein richtig flaues Gefühl im Magen.
Was, wenn es ihr in der Schule nicht gefiel, wenn die anderen Kinder sie nicht mochten? Sie würde zu Frau Bredo in die Klasse kommen. Sie kannte sie vom Besuch in der Schule. Isa hatte das Gefühl, dass ein ängstlicher Vogel in ihrem Magen herum flatterte. Und wenn sie dann an Herrn Rudolf dachte, wurde alles noch viel schlimmer. Vielleicht würde in der Schule alles ganz streng und ernst? Vielleicht würde sie nicht mehr spielen dürfen?
Isa schlug die Decke zurück und stand auf. Leise ging sie zur Tür und lauschte: Sie hörte ihre Mutter im Wohnzimmer. Sie sah fern. Isa ging hinüber. Ihre Mutter sah auf und machte den Fernseher aus: „Was ist? Kannst du nicht schlafen?“
Isa nickte und ging zum Sofa. Ihre Mutter hielt ihr eine Decke hin und Isa kuschelte sich auf das Sofa.
„Was ist los?“
Isa zuckte mit den Schultern: „Ich weiß nicht. Ich denke an morgen. Ich bin so aufgeregt und hab‘ ein bisschen Angst, dass ich in der Schule vielleicht alleine bin oder alles nicht mehr so fröhlich ist. Ich bin traurig, weil ich nicht mehr jeden Tag in den Kindergarten gehen kann, da ist ja sogar schon mein Namensschild weg.“
Ihre Mutter fragte: „Gibt es auch etwas, worauf du dich freust? Morgen feiern wir ein Fest, du lernst neue Kinder kennen und kannst lesen lernen.“
„Aber“, Isas Wangen wurden nass, „darauf freue ich mich ja. Und ich hab‘ trotzdem Angst. Herr Rudolf hat gesagt, Schule ist ernst. Ernst klingt streng und gar nicht lustig. Was, wenn es so in der Schule wird?“
Die Mutter hob die Augenbrauen: „Ernst?“
„Ja“, Isa schniefte „der Ernst des Lebens fängt morgen an, hat er gesagt. Ich mag den Ernst nicht. Ich habe schon Bauchschmerzen. Ich mag es lieber lustig.“
Ihre Mutter nahm sie in den Arm. „Oh, der Ernst des Lebens. Ach weißt du, ich denke darüber etwas anders.“
„Ja?“
„Ja. Morgen fängt etwas Neues an. Das Leben verändert sich manchmal, dann beginnt eine neue Zeit. Und wenn wirklich etwas schwierig ist, werden wir zusammen eine Lösung finden. Und morgen beginnt deine Schulzeit. So wie für Lukas und die anderen. Und das ist dann anders als vorher. Aber du bleibst ja Isa und ich deine Mama. Ich bin da.“
„Ja. Und ich kenne schon Lukas, Leon und Amira.“
„Dann bist du nicht allein?“
„Nein, stimmt. Dann bin ich nicht allein.“
Isa spürte, wie der kleine aufgeregte Vogel in ihrem Bauch ein wenig ruhiger wurde. Wenn sie an ihre Mama dachte, die da war und die Kinder, die sie schon kannte, dann konnte alles gar nicht so schlimm werden.
„Versuch jetzt zu schlafen. Ja? Ich bring dich nochmal ins Bett. Komm.“
Isa wurde von ihrer Mutter zugedeckt, dachte an Lukas und schlief ein.

In ihrer Schultüte fand Isa am nächsten Tag neben den Überraschungen zwei leuchtend rote Perlen. Eine davon schenkte sie Lukas.

Für die eigene Arbeit

Hinweise zur Perle

Im Perlenkranz gibt es zwei rote Perlen. Sie heißen im Original „Perlen der Liebe“. Ihre Farbe lässt Menschen unterschiedlichen Alters schnell auf das mit ihnen verbundene Thema kommen, denn Rot ist für viele Menschen mit der Liebe verbunden. Dennoch bleibt die Frage: Warum gibt es zwei davon? Reicht nicht eine, die anderen thematischen Perlen gibt es ja nur auch ein mal! Hier bietet sich oft gleich ein erster Anlass zum gemeinsamen Rätseln und Nachdenken.

Die Liebe taucht im Perlenarmband zwei Richtungen auf. Die erste rote Perle steht für das „Geliebt werden“. Die Idee, das Gefühl, die Gewissheit, geliebt zu werden, ist eine wichtige Grundlage für einen sicheren Stand im eigenen Leben. Sie ist vielleicht sogar die Grundlage dafür, auch selbst anderen Menschen unvoreingenommen und absichtslos liebend zu begegnen. Die andere Richtung: „Liebe schenken“ steht im Zentrum der zweiten roten Perle. Das Bild und die Geschichte zu ihr erscheinen im Dezember.

Gerade für Kinder ist das Thema, das durch diese erste rote Perle eröffnet wird, von existenzieller Bedeutung. Die Fragen: „Wer hat mich lieb?“, „Wer ist an meiner Seite, egal was ist?“ zieht sich durch alle Phasen des Aufwachsens. In einzelnen Situationen ist diese Vergewisserung besonders vonnöten. In Umbruchsituationen in der Familie, wenn Geschwister die Familie vergrößern oder sich die Konstellationen der engsten Bezugspersonen verändern oder auch an biografischen Schwellen wie dem Eintritt in die Schule kann sie für das (Wieder-) Erlangen von Sicherheit bedeutsam werden.

Die Geschichte von Isa bringt uns an den Ende des Sommers, an die Zeit, bevor für Isa ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Kinder im letzten Kitajahr können sich vielleicht besonders gut in diese Geschichte einfühlen. Der Wechsel vom Kindergarten in die Schule ist für Kinder und Eltern oft ein besonderer Schritt. Etwas Vertrautes hört auf, etwas Neues beginnt und dies ist häufig von Vorfreude und Furcht gleichermaßen begleitet. Direkt auf der Schwelle ist es bei Isa die Furcht, die sich meldet, die Unsicherheit, die die neue Situaiton mit sich bringt. Ihre Mutter, die ihr versichert, an ihrer Seite zu sein, die sie liebhat, wie sie ist, kann die Unsicherheit nicht abnehmen und dennoch ein kleines Stückchen Sicherheit zurück geben.

Im ursprünglichen Perlenband ist in der ersten Perle der Liebe auch die Idee von der Liebe Gottes zu den Menschen enthalten. Dieser Gedanke kann, muss aber nicht mit der Perle verbunden werden.

Didaktische Ideen

Alle Materialien und Medien zur Perle dürfen für die eigene Arbeit verwendet werden. Zu jeder Perle gibt es eine Bildkarte, die farbig auf A3 gedruckt, in das klassische Erzähltheater (Kamishibai) passt. Die Vorlesegeschichte mit kleinen Bildelementen darf ebenfalls gedruckt und in der Kita – beispielsweise als Aushang zur Elterninformation – veröffentlicht werden. Wenn die Kinder die Geschichte kennengelernt haben, ist es möglich, eine inhaltliche Auseinandersetzung zum Thema der Perle zu ermöglichen.

Zu Beginn der Beschäftigung mit der Perle kann eine Annäherung an die Thematik der Perle mit einem großen Herz erfolgen. Wenn die Perle mit künftigen Schulkindern ergründet wird, bietet sich im Vorfeld der Geschichte ein Gesprächskreis rund um die bevorstehenden Veränderungen an. Im Blickpunkt kann dabei besonders gestellt werden, wer den Kindern zur Seite steht. Wann und wie sie erlebt haben, dass sie geliebt werden. Kinder haben in dieser Hinsicht sicherlich sehr unterschiedliche und vielfältige Erfahrungen und nicht immer müssen es die biologisch engsten Verwandten sein, die diese Positionen einnehmen. In der Moderation von Gesprächs-, Gestaltungs- oder Präsentationsphasen ist dies zu berücksichtigen und behutsam darauf einzugehen.

Bevor die Kinder die Geschichte frei erzählt oder vorgelesen hören, können sie das Geschichtenbild betrachten und beschreiben. Sie können selbst phantasieren, was in der Geschichte wohl passieren könnte.

Im Anschluss an die Geschichte bieten sich unterschiedliche Vertiefungen an. Das Festhalten von eigenen Lebenssituationen die vom „Geliebt-werden“ erzählen, kann eine mögliche Richtung sein. Darüber hinaus wäre es gerade für Kinder im letzten Kitajahr möglich, eine eigene Zuckertüte zu gestalten und diese mit Dingen zu befüllen, die nicht in einem Laden gekauft werden können. Alles unter der Überschrift: „Was brauche ich, damit mein Start in der Schule rundum gut wird? Damit ich mich richtig wohl fühlen kann?“

Je nach Ausrichtung der pädagogischen und religionssensiblen Arbeit ist es auch möglich, mit den Kindern zum biblischen Gottesnamen nach Exodus 3,14 zu theologisieren (ICH BIN DA hat mich zu euch geschickt – Bibel in gerechter Sprache). Kinder, die bereits mehrere Jahre in einer Einrichtung verbracht haben, in der explizit christliche Inhalte zum Thema gemacht werden, kennen womöglich unterschiedliche Bilder, in denen von Gott in biblischen Texten gesprochen wird. Ich bin da als Name für Gott kann eine weitere Perspektive in die Erzählung von Isa und ihrer Mutter eintragen.

Nach dieser Perle folgt gleich eine weitere rote Perle. Dennoch bietet es sich an, die beiden roten Perlen mit den Kindern nacheinander zu vertiefen und erst in Ruhe auf die Richtung des „Geliebt werdens“ einzugehen, bevor die zweite Richtung: „Liebe schenken“ aufgegriffen wird.


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Die Bildkarte

Die Geschichte mit Bildelementen

Die Stille-Bilder: das Mandala, das Geschichtenbild

Die Geschichte zum Anhören